Prima Schule rückt näher

Was ist nur an der Elbe los? Fließt der Fluss demnächst rückwärts? Der schwarz-grüne Senat beschließt die Einführung einer sechsjährigen Primarschule in Kombination mit der Abschaffung von Hauptschulen, und eine wild gewordene Zivilgesellschaft läuft Sturm dagegen. Ein Volksentscheid soll am 18. Juli 2010 die Entscheidung bringen, die Wahlunterlagen sind bereits verschickt. Läuft man allerdings derzeit durch Hamburgs Straßen, sieht alles nach Friede, Freude, Eierkuchen aus. Die Stadt ist voll von Plakaten zum Thema Schulreform. Und die Werbesätze, mit der Schulreformgegner und -befürworter um die Stimmen der Bürger buhlen, gleichen einander sehr: „Wir wollen lernen“, „Deine Stimme für meine Zukunft“, „Jedes Kind in Hamburg kann richtig viel erreichen. Darum sollten wir auch jedem Kind die Chance dazu geben.“

Hinter den Kulissen arbeiten unterdessen ein paar scheußlich Betuchte mit viel Geld und großer Angstmache – unterstützt einzig von FDP und NPD – gegen die Reform, die in einem ersten kleinen Schritt eine Angleichung des provinziellen deutschen Schulsystems an europäische Standards versucht. Deren Chancen stehen nicht schlecht. Und der Senat, anstatt den Kampf aufzunehmen und seine politische Position zuzuspitzen, verschanzt sich hinter Floskeln. Viel zu spät ist er mit Details rausgerückt, warum es diese Umgestaltung der Schulen in Hamburg braucht und wie sie umgesetzt wird. Viel zu spät hat der Senat mit der Linken und der SPD ein Bündnis geschlossen, um die sechsjährige Primarschule durchzusetzen. Eine verdruckste Informationskampagne in der Manier hanseatischen Understatements setzt derzeit leichtsinnig das ganze Projekt aufs Spiel.

Zurzeit lauern andere Länderregierungen ängstlich auf den Ausgang des Volksentscheids. Man kann davon ausgehen, dass sich, falls die Reformgegner gewinnen, für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre keine einzige weitere Länderregierung trauen wird, in Sachen Bildung am Hergebrachten zu rütteln. Da wäre die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems in Hamburg doch mal ein Leuchtturm, der viel weiter strahlen würde als die idiotisch teure Elbphilharmonie.

Wir haben eine Neuigkeit für den Senat: Es geht um die Wurst. Denn warum kämpfen der Anwalt Walter Scheuerl und seine Bodentruppen von der Initiative „Wir wollen lernen“ so verbissen gegen die Einführung des sechsjährigen gemeinsamen Lernens aller Schüler? Es verbessert erwiesenermaßen die Chancen von Kindern der unteren Schichten, der Großteil von ihnen Migranten, zu einem guten Schulabschluss zu kommen. Die PISA-Studie hat ganz klar das frühe Trennen der Schüler für das schlechte Abschneiden Deutschlands verantwortlich gemacht, denn die frühe Selektion der Schüler nach der vierten Klasse bevorzugt Kinder aus höheren sozialen Schichten. Das zähe Engagement der Reformgegner ist nichts anderes als der Versuch der Bildungsschichten, mit Zähnen und Klauen exklusive Schulabschlüsse für ihre Sprösslinge zu verteidigen: der pure Bildungsegoismus. Die nötigen Stimmen für ihre Minderheitenkampagne holen sie sich dagegen im ärmeren Teil der Gesellschaft. Dort, wo man den Politikern schon lange eins auswischen will, und dort, wo die lächerlichen nicht mal 100 Mio. Steuergelder (zur Erinnerung: Elbphilharmonie zurzeit 503 Mio.), die für die Reform ausgegeben werden, für Empörung sorgen, sobald ihnen jemand den Stempel „verschwendet“ aufdrückt.

Schon nach 1945 versuchten die Alliierten, den deutschen Bildungs-Sonderweg abzuschaffen. Doch die Eliten des Landes stemmten sich seither immer wieder erfolgreich dagegen. Einzigartig auf der Welt, schaffen in Deutschland seit eh und je nur diejenigen das Rattenrennen aufs Gymnasium, deren Eltern durch Rang und Posten für ihre Kinder die nötigen Voraussetzungen geschaffen haben.

Doch wir haben auch eine Neuigkeit für alle, die Angst haben, durchs längere gemeinsame Lernen beim Run auf den besseren Schulabschluss ins Hintertreffen zu geraten: Abiturienten sterben aus. Die Demografie weiß schon lange, dass geburtenstarke Jahrgänge gestern waren. Das steckt hinter der Senatsformel von den Talenten, die Hamburg fördern will. Diese Stadt kann es sich nicht mehr leisten, dass ein Drittel ihrer Schüler keinen oder einen unzureichenden Bildungsabschluss hat. Abgesehen davon, dass jeder, der wegen seines schlechten Abschlusses keinen Job bekommt, auf soziale Transferleistungen angewiesen ist.

Nun gibt es viel Kritik an der konkreten Ausgestaltung der Schulreform, und manches ist berechtigt. Für einige sieht der Umbau des Bestehenden holprig aus. Anderen mag er als fauler Kompromiss erscheinen. Wären nicht zehn gemeinsame Schuljahre besser? Manche fordern mehr Geld für Bildung, auch für die frühkindliche Erziehung in Krippen und Kitas, und sehen den geplanten Umbau als knauserige Sache an.

Wir finden, das sind alles keine Argumente dafür, Deutschland und sein Bildungssystem weiter im vorletzten Jahrhundert zu belassen. Die Primarschule ist nicht mehr als ein Anfang. Aber ihre Einführung macht es erheblich wahrscheinlicher, dass auch andere entscheidende Bildungsfragen in den kommenden Jahren geklärt werden können.

Wie sollen wir den nötigen Druck für eine bessere Ausstattung der Kitas erzeugen, wenn es jetzt nicht mal gelingt, die Situation für Kinder, die mit erheblichen Sprachdefiziten eingeschult werden, wenigstens in den Schulen zu verbessern – indem ihnen mehr Zeit gegeben wird, den Vorsprung anderer Kinder einzuholen. Wie wollen wir für mehr Geld im Bildungssektor plädieren, wenn der Volksentscheid ergibt, dass bisher alles, schlecht ausgestattet wie es ist, gut genug war?

Mit der schlechten Ausstattung, vor allem derjenigen Schulen, die in den Vierteln der Armen stehen, hängt auch die Schulflucht der bürgerlichen Schichten zusammen. Wer kennt nicht jemanden, der seine Kinder im entfernten Eppendorf zur Schule schickt, damit sie nicht mit den Kindern von Migranten zusammen die Schulbank drücken müssen. Auch auf diese Art verfestigt sich immer wieder aufs Neue die soziale Spaltung der Stadt, die von den verschiedenen Initiativen des Netzwerks „Recht auf Stadt“ in den vergangenen Monaten so häufig ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden ist.

Die ungleiche Verteilung von Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, auf verschiedene Schulen in verschiedenen Vierteln, muss aufhören. Wir nehmen den Fehdehandschuh auf, den die Initiative „Wir wollen lernen“ geworfen hat. Denn Hamburgs Schulen können nur besser werden – und nach ihnen die im restlichen Deutschland.

Matthias Anton – Petra Barz – Gesa Becher – Meike Bergmann – Dorothee Bittscheidt – Anne Brüchert – Deniz Celik – Centro Sociale – Kerstin Davies – Miriam Edding – Sandra Felber – Ines Fögen – Anja Franzenburg – Pascal Fuhlbrügge – Jan Jetter – Charalambos Ganotis – Elmar Günther – Irene Hatzidimou – Siglinde Hessler – Andreas Homann – Torsten Jahnke – Frank John – Katharina Kämmerer – Mira Kim – Astrid Kusser – Nina Möntmann – Tobias Mulot – Christiane Müller-Lobeck – Not in Our Name (Ted Gaier, Peter Lohmeyer, Rocko Schamoni , Christoph Twickel ) – Efthimia Panagiotidis – Britta Peters – Sibylle Peters – Tina Petersen – Dorothea Richter – Martin Rüster – Katha Schulte – Barbara Schulz – Showcase Beat Le Mot – Vassilis Tsianos – Johannes Werdehausen – Franko Wolenski

Edutainment Deluxe mit School of Zuversicht, Showcase Beat Le Mot mit Auszügen aus ihrem Theaterstück „Die Bremer Stadtmusikanten“, Schwabinggrad Ballett, Pascal Fuhlbrügge, Bongo Disco (Olli, Sillywalks), Talk von/mit Peter Lohmeyer (Schauspieler), Dorothee Bittscheidt (letzte Präsidentin der HWP), Marina Mannarini (Interkulturelle Elterninitiative) u.v.m.: Sonntag, den 13.6., 14 Uhr Övelgönner Mühlenweg, Ecke Neumühlen

One Response to “Prima Schule rückt näher”

  1. […] Argumente für die Schulreform: bei Pascal Fuhlbrügge. […]

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