Veit Sprenger über Kunst

Veit Sprenger von Showcase Beat Le Mot hat auf seiner Facebook Seite ein Pamphlet veröffentlicht, was mir mindestens viel Spass bringt. Hier also in Gänze:
San Francisco, 1842: Der Zirkusdirektor Phineas Barnum stellt in seiner Circus Side Show die getrocknete Leiche einer echten Meerjungfrau aus. Er behauptet, dass sie ihm auf den Fiji-Inseln von Eingeborenen im Tausch gegen 10 Kilo Schießpulver übergeben worden sei – eine Sensation, über die sogar die gehobene New Yorker Presse berichtet. Erst Jahrzehnte später – das Exponat war bei einem Brand zerstört worden – gesteht Barnum in seinen Memoiren, dass die Feejee Mermaid von japanischen Seeleuten stammte, die sie aus dem Torso eines weiblichen Kapuzineräffchens und dem Hinterteil eines Hechts zusammengenäht hätten.

Barnum hat die Erwartungen seines Publikums zugleich enttäuscht und übertroffen. Die Meerjungfrau war klein, hässlich und verschrumpelt, so ziemlich das Gegenteil des Modells Böcklin. Aber es gab sie. Die Jämmerlichkeit hat ihre Glaubwürdigkeit noch erhöht und ließ das Wunder der körperlichen Gegenwart eines Fabelwesens noch wirkungsvoller werden. So funktionierte künstlerische Arbeit in den strukturschwachen Gebieten des Wilden Westens. Aus notdürftig zusammengehauenen Veranstaltungen mit dem, was gerade zur Hand war, ist das Showbiz entstanden. Wunderdoktoren, Revolverhelden, Prediger, Scharlatane und Trickbetrüger haben das Unwahrscheinliche wahrscheinlich gemacht und unvereinbare Gegensätze mit Nadel und Faden zusammengezwungen.

Und was lernst du daraus, Kunst? Dass du frei bist lernst du. Und dass wir endlich wieder damit aufhören müssen, uns selbst zu begründen, zu rechtfertigen, zu sortieren und zu vermitteln. Ich finde diese ganze Kultur-Aufräumerei so schrecklich, schrecklich! Ich meine damit nicht nur die unerträgliche Pädagogisierung des Theaters. Im ehemals Wilden Osten werden zur Zeit ganze Städte und Regionen nach Kultursparten sortiert – Museumsstadt, Theaterstadt, Musikstadt, Wissenschaftsstadt, Architekturstadt, Opernstadt… Und diese institutionalisierte Langeweile weht einem dann schon von weitem entgegen, als Durchsage im Zug, als braunes Schild an der Autobahn, als Logo auf dem Briefkopf des Oberbürgermeisters. Wo soll das hinführen? Nach Legoland? Nach Bildungsbürgen? Ins ZDF? Willkommen in der kuratierten Hölle.

Dabei müsste Kunst wie die Feejee Mermaid sein. Unordentlich, roh, zusammengenäht, eklig, betrügerisch, magisch, unausgegoren, rätselhaft, bescheuert. Aber reich wie die Goldgräber von Neu-Helvetien.

Also, Kunst, auf den OP-Tisch mit dir. Wenn du aus der Narkose aufwachst und vor dem Spiegel zitternd den Verband abnimmst, wirst du dich nicht wiedererkennen. Aber deine Schönheitschirurgen sind bis dahin schon über alle Berge.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: